Shenhua oder SIPG? Die Qual der Wahl in Shanghai

In einem Land der Größe Chinas ist selbst so etwas Kleines und Unbedeutendes wie Fußball immer noch verhältnismäßig groß. So strömen zu den Spielen der beliebtesten Vereine oftmals zwischen 20.-45.000 Zuschauer in die Stadien der Chinese Super League (CSL). Damit steht die Chinesische Vorzeigeliga nur knapp hinter den bekannten Ligen Europas. Tendenz steigend.

In Chinas größter Stadt Shanghai verteilen sich die Sympathien der Fans auf zwei Mannschaften. Zum einen den „Traditionsverein“ Shanghai Greenland Shenhua FC und zum anderen den SIPG (Shanghai International Port Group) FC, der seit 2013 im Oberhaus spielt.

Zuletzt haben beide Vereine jedoch mehr durch hohe Transferausgaben als durch sportliche Erfolge auf sich aufmerksam gemacht.

Shenhua – Traditionsverein mit Makeln

IMG_20170305_193130
Volles Haus bei Shenhuas erstem Saisonspiel gegen Jiangsu Suning

Eigentlich wäre Shenhua die logische Wahl für jeden Traditionalisten. Sie sind einer der ältesten Vereine des Landes. Wenn man die kölsche Zählt man alle Vorgängervereine mit, kommt man auf eine mehr als hundertjährige Geschichte. Als Gründungsmitglied haben die „lanmo“ (blaue Teufel) die CSL von Beginn an geprägt.

Sie spielen im einzigen richtigen Fußballstadion der CSL, dem Hongkou Football Stadium. In dem 1999 eröffneten Stadion finden 33.060 Zuschauer Platz. Insbesondere bei lokalen Derbys gegen SIPG, dem Yangtze-Derby gegen Jiangsu Suning oder dem Duell gegen Beijing Guoan sorgen die Shenhua-Fans für ausgelassene Stimmung, wie wir sie aus deutschen Stadien kennen.

Selbst auf der Hauptribüne stehen die Anhänger 90 Minuten lang und stimmen in die Gesänge, die aus den beiden Kurven kommen ein. Und wer seine ersten Brocken Shanghainese lernen will, tut dies am einfachsten hier in Hongkou.

Die Fans sind in verschIMG_20170305_212015iedenen Gruppen organisiert, unterstützen den Vereine zuhause und auch auswärts, stellen sich aber auch mal quer, wenn ihnen die Entwicklung des Vereins nicht passt. So geschehen 2014 als die Greenland Group den Namen „Shenhua“ aus dem Logo streichen wollte. Die Anhänger protestierten bis die Führung ein Einsehen hatte und Shenhua schließlich doch im Namen beließ.

Neben all diesen für mich positiven Aspekten machte Shenhua sich in der Vergangenheit aber nicht immer nur positiv bemerkbar.

2013 wurde dem Verein die zehn Jahre zuvor gewonnene Meisterschaft wieder aberkannt. Zudem wurden sie mit einer Geldstrafe und einem Punktabzug belegt. Grund dafür war, dass sie in der Meistersaison Spiele gekauft haben. Auch wenn Shenhua damit nicht alleine ist, stehen sie für mich somit aber doch sinnbildlich für das Schlechte im hiesigen Fußball.

Zusätzlich gerieten die Blauen in die Schlagzeilen, weil sie ihre Spieler nicht mehr bezahlen konnten. Shenhua war einer der Vorreiter, die Stars (Anelka, Drogba und jetzt Tevez) und die die es mal waren (z.B. C. Jancker, oder „Ali“ Albertz) nach China gelockt haben. 2013 weigerten sich die ausländischen Spieler Moreno, Schiavi und Torenzo zu spielen, nachdem der Blick auf den Kontostand wieder einmal nicht zufriedenstellend war.

Es scheint, als hätte Shenhua seine Finanzen nun besser im Griff und auch die Zeit des blinden Einkaufs alternder Stars scheint beendet zu sein. Doch auch trotz der guten Fanbasis, die sich rund um den Verein aus Hongkou entwickelt hat, bin ich mit Shanghais größtem Club noch nicht wirklich warm geworden.

SIPG – Mit viel Geld zum ersten Titel?

Im Zentrum der Stadt, im großen Shanghai Stadium (65.000 Plätze), spielen die Roten von SIPG. Dieser Verein kann weder mit einer langen Geschichte, noch mit einer bedeutungsvollen Fangruppe punkten. Vielmehr ist SIPG der neureiche Emporkömmling der Liga. 2013 stiegen die Roten aus der League OIMG_20170228_190911ne in die CSL auf.

Sie konnten sich im ersten Jahr im Mittelfeld behaupten und spielen seitdem um die vorderen Plätze mit. Für einen richtigen Angriff auf den Serienmeister Guangzhou Evergrande hat es bisher aber noch nicht gereicht. Dies soll sich nun ändern und wieder einmal wurde viel Geld in die Hand genommen, um dieses Ziel zu erreichen. Mit Carvalho, Hulk, Elkeson und Oscar stehen hier wohl die bekanntesten, teuersten und vielleicht besten ausländischen Spieler unter Vertrag (plus Villa Boas als Trainer). Und sportlich sorgt SIPG zum Start der neuen Saison für viel Aufsehen. Die Investitionen scheinen sich gelohnt zu haben. Dazu an anderer Stelle noch einmal mehr.

Doch auch wenn SIPG sich sportlich schnell in der Liga etablieren konnte, fällte es dem Emporkömmling weiterhin schwer, die Herzen der Shanghainesen zu gewinnen.

IMG_20170228_193251
Goal! Torreiche Spiele stehen bei SIPG an der Tagesordnung

Zu den Spielen im Shanghai Stadium finden sich auch meistens rund 30.000 Zuschauer ein. Die gleiche Menge, die bei Shenhua für Fußballatmosphäre sorgt, verliert sich in der riesigen Schüssel jedoch so sehr, dass man sich fragt, ob das tatsächlich Chinas neuer hipper Megaverein sein soll.

Während der Spiele stehen die aktivsten Fans im Unterrang der Gegengeraden und geben sich große Mühe, ihre Jungs anzufeuern. Das ganze wirkt aber (noch) ziemlich aufgesetzt: Vor den verschiedenen Blöcken stehen mehr „Capos“ als in der ganzen Bundesliga zusammen und dabei kommt auch kein wirkliches Spektakel raus.

Wenn SIPG diesen Weg so weitergeht, werden die Zuschauerzahlen sich im Laufe dieses Jahres sicher noch verbessern. Die ersten Spiele des Jahres wurden bisher alle gewonnen, die Superstars haben sich gleich gut eingefügt und harmonieren schon perfekt. SIPG scheint in diesem noch kurzen Jahr in der Lage, die Lücke zum Serienmeister Evergrande zu reduzieren. Wenn das gelingt, können sie Shenhua in ferner Zukunft vielleicht als Nummer eins der Stadt ablösen. Für mich geht die Suche nach einem „Herzensverein“ in China derweil weiter. Vielleicht werde ich mit einem der beiden Vereine ja doch noch warm (sie geben sich gerade beide sehr viel Mühe) und dann ist da ja auch noch der Zweitligist Shanghai Shenxin…


Hinterlasse einen Kommentar